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Lange hatten Tiere in der westlichen Moralphilosophie ein Schattendasein geführt. Ausgerechnet der pessimistische Misanthrop Arthur Schopenhauer war einer der ersten Denker, der sie in seine Mitleidsethik miteinbezog. Er mahnte: Das Leid der Tiere darf uns nicht egal sein.

Über die Menschen hatte Arthur Schopenhauer bekanntlich wenig Gutes zu sagen. In einem von Idealismus und Optimismus geprägten Zeitgeist, galt er als einer der wenigen philosophischen Pessimisten. Die menschliche Willensfreiheit hielt er für eine Illusion, die Fähigkeit zur Vernunft für maßlos übertrieben und den aufklärerischen Glauben an einen Fortschritt in der Geschichte für unbegründet. Der „Zweifüßler“, wie Schopenhauer die Menschen gerne nannte, sei im Wesentlichen triebhaft, gierig und zum wahren Glück nicht fähig. Überhaupt sei das Leben ein einziges Jammertal: Wir leben, so Schopenhauer, in der schlechtesten aller möglichen Welten.

So wenig Lob er für die Zweifüßler übrig hatte, so sehr schätzte Schopenhauer die Vierbeiner: „Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann?“

Es muss ein sonderbarer Anblick gewesen sein, wenn der kauzige Philosoph seinen geliebten Pudel am Frankfurter Mainufer spazieren führte, dabei wild gestikulierend vor sich her philosophierte, als spräche er mit seinem Hund.

Seit seinen Studentenjahren hatte Schopenhauer Pudel gehalten – Hund und Herrchen waren fester Bestandteil des Frankfurter Stadtbildes. Wenn einer verstarb (bei der durchschnittlichen Lebenserwartung eines Pudels etwa alle zwölf Jahre), schaffte er sich bald danach einen neuen, ähnlich aussehenden Pudel an. Er gab ihnen allen den gleichen Namen: „Atman“. Nach dem Sanskrit-Wort für „Lebenshauch“. Schopenhauer war nämlich, als einer der ersten westlichen Philosophen, ein begeisterter Leser der indischen Philosophie. Und die aus dem Hinduismus entlehnte Vorstellung, die individuellen Einzelseelen (Atman) seiner treuen Vierbeiner seien bloß Teile derselben ewigen Weltseele (Brahman), kam seinem eigenen philosophischen System sehr nah. „Des Pudels Kern“ geht nicht verloren – an diesem Gedanken hatte Schopenhauer Gefallen gefunden.

Über Arthur Schopenhauers Hundeliebe gibt es ähnlich viele Anekdoten wie über seine griesgrämige Menschenscheu. Weniger bekannt ist dagegen, dass der Philosoph einer der ersten kontinentaleuropäischen Denker war, der den (nichtmenschlichen) Tieren einen expliziten Platz in der Ethik einräumte. Mit seiner Mitleidsethik wurde er zu einem wichtigen Vorreiter der europäischen Tierrechts- und Tierschutzbewegung.

Die Frage ist nicht: Können sie denken? Sondern: Können sie leiden?

Immanuel Kant, den Schopenhauer gern als seinen großen Lehrmeister bezeichnete, hatte seinerzeit den Standard für die in der Philosophiegeschichte so vernachlässigte Frage nach der moralisch angemessenen Behandlung von Tieren gesetzt: Ausschließlich dem Menschen, der über Vernunft und Würde verfüge, komme ein moralischer Status zu. Tiere seien, sofern sie nicht zur Vernunft fähig seien, mit bloßen „Sachen“ gleichzusetzen. Unser Verhalten gegenüber Tieren war für Kant allenfalls indirekt von moralischer Relevanz. Denn das grundlose Quälen von Tieren verdirbt den Charakter. Es lässt das Mitgefühl zu anderen Lebewesen abstumpfen, schwächt damit unsere moralische Veranlagung und wirkt sich verrohend auf unseren Umgang mit unseren Mitmenschen aus.

In Großbritannien war man in Sachen Tierethik weiter: Schon Jeremy Bentham, der Begründer des klassischen Utilitarismus, erklärte 1789 in einer der berühmtesten Passagen seiner Introduction to the Principles of Morals and Legislation: „Die Frage ist nicht: Können sie denken? Können sie sprechen? Sondern: Können sie leiden?“

Auf dem europäischen Festland war es Arthur Schopenhauer, der mit der Moralphilosophie seines sonst so hoch geschätzten Lehrmeisters Kant brach und, ähnlich wie vor ihm die britischen Utilitaristen, statt der Vernunftfähigkeit die Leidensfähigkeit ins Zentrum seiner Ethik rückte. Wenn aber das Leid entscheidend für den moralischen Status ist, dann muss auf nichtmenschliche leidensfähige Wesen ebenso sehr Rücksicht genommen werden. Tiere leiden, und wir können Mitleid mit ihnen haben – für Schopenhauer ein hinreichendes Argument für die moralische Behandlung von Tieren.

Die Sonderstellung des Menschen im Kosmos

Die Frage nach dem moralischen Status von Tieren ist ein hervorragender Prüfstein für eine jede philosophische Theorie. Denn wer philosophische Überlegungen zu den moralischen Dimensionen des Mensch-Tier-Verhältnisses anstellt, kommt nicht umher, wenn nicht ausdrücklich, so doch implizit, Aussagen über die Stellung des Menschen im Kosmos, seine Wesenheit und die Unterschiede zu nichtmenschlichen Tieren zu treffen. Kurz: Wie ein Philosoph über die Tiere schreibt, verrät uns viel über sein anthropologisches Selbstverständnis.

Arthur Schopenhauer galt als großer Kritiker menschlicher Hybris. Nicht ohne Genugtuung hielt er seinen Zeitgenossen den Spiegel vor, immer dann, wenn sie sich als Spezies zu wichtig nahmen. Die in der abendländischen Philosophie und Theologie vorherrschende Lehre einer totalen Andersartigkeit, einer unüberwindbaren Wesenskluft zwischen Mensch und Tier hielt er für narzisstisch und verfehlt. Schopenhauer sah sie vor allem im Christentum begründet – im jüdisch-christlichen Selbstverständnis des Menschen als Abbild Gottes und Krönung der Schöpfung.

Mit der durch René Descartes begründeten rationalistischen Philosophie der Moderne erfuhr der Anthropozentrismus und die Exklusion von Tieren aus der Ethik schließlich einen Höhepunkt. Tiere hielt Descartes nämlich für äußerst komplexe, aber gleichsam seelenlose Maschinen. Unser Verhalten gegenüber Tieren sei folglich ebenso wenig von moralischer Relevanz wie unser Verhalten gegenüber Stöcken und Steinen.

Mitleid und die Metaphysik des Willens

Der Tierfreund Schopenhauer war empört über die Geringschätzigkeit seiner Zeitgenossen gegenüber nichtmenschlichen Lebewesen. Denn er war fest davon überzeugt, dass Mensch und Tier einen gemeinsamen Ursprung haben – dass das „Wesentliche und Hauptsächliche im Thiere und im Menschen das Selbe ist“. Doch anders als später bei Charles Darwin beruhte diese Überzeugung nicht ausschließlich auf empirischer Evidenz. Anders als der britische Naturforscher war Schopenhauer nämlich ein leidenschaftlicher Metaphysiker.

Den Kern des groß angelegten metaphysischen Systems seines Hauptwerkes „Die Welt als Wille und Vorstellung“ bildet eine mystisch anmutende Einsicht: Alles ist nur in der Erscheinung verschieden – dem Wesen nach ist alles eins. Der Transzendentalphilosophie Immanuel Kants folgend, wollte Schopenhauer die nur als Vorstellung für das Subjekt gegebene Welt von einer an-sich-seienden Welt, jenseits der Vorstellungen trennen. Er meinte dabei das von Kant lediglich postulierte, aber nie entdeckte „Ding an sich“ – den heiligen Gral der Philosophiegeschichte – gefunden zu haben: den Willen. Genauer: den einen, allen Erscheinungen zugrunde liegenden, irrationalen Willen.

Ein Weg, zu dieser Einsicht zu gelangen, führte den Philosophen über das Phänomen des Mitleids. Ein Phänomen, dass den Philosophen ganz besonders faszinierte, schrieb er dem Menschen doch eigentlich einen alles überragenden Egoismus zu.

Im Mitleid, oder Mitfühlen, meinte Schopenhauer, finde eine tatsächliche Identifikation mit dem Anderen, ein Überwinden der Kluft zwischen Ich und Nicht-Ich, statt. Mitleid sei die Erkenntnis des Eigenen im Fremden, eine die Grenzen des Individuums sprengende Einsicht. Und die Tatsache, dass wir in der Lage sind, mit Tieren mitzufühlen, ist nach Schopenhauer ein Ausdruck unserer metaphysischen Wesensgleichheit.

Mit einem Bein in der Metaphysik, mit dem anderen im modernen Materialismus

Nun ist Schopenhauers Metaphysik des Willens vieles: wortmächtig, leidenschaftlich, eindringlich und mystisch. Doch sie bleibt eben auch spekulativ. Sie kann allenfalls nachvollzogen und erfahren, nicht jedoch wissenschaftlich nachgewiesen werden. Wäre dies Schopenhauers einziger Zugang zu seiner Mitleidsethik, er wäre wohl kaum so anschlussfähig für die moderne Tierethik gewesen.

Aber Schopenhauer war ein Philosoph des Übergangs – mit einem Bein in der Metaphysik, mit dem anderen im modernen Materialismus stehend. Und tatsächlich hat uns der Philosoph noch einen zweiten Zugang zu seiner Mitleidsethik gewährt. Er findet sich in seiner Schrift zur Ethik, der Preisschrift über die Grundlage der Moral von 1841. Die war sein Beitrag für eine akademische Preisfrage, ausgeschrieben von der „Königlich Dänischen Sozietät der Wissenschaften“. Obwohl Schopenhauer der einzige war, der eine Arbeit eingereicht hatte, wurde er (wohl wegen seiner harschen Polemik gegen Kant) ausdrücklich nicht gewürdigt. Aus Trotz schmückte er fortan seine Publikation mit dem Zusatz: „Nicht gekrönt von der Königlich Dänischen Sozietät der Wissenschaften.“

Weil die Autoren ihre Beiträge anonym einreichen mussten, konnte Schopenhauer nicht auf sein über tausend Seiten starkes Hauptwerk und die dort ausformulierte Willensmetaphysik verweisen. Er musste einen neuen, weniger voraussetzungsreichen Weg wählen.

In der Preisschrift beschreibt er Mitleid deshalb nicht mehr als die wunderhafte Einsicht in die All-Einheit alles Seienden, sondern als eine empirische Eigenschaft – als Triebfeder für altruistisches Verhalten, die wir phänomenologisch nachempfinden und naturwissenschaftlich nachweisen können.

Für den Nachweis über die Leidensfähigkeit von Tieren brauchte Schopenhauer dann auch keine Metaphysik mehr: Er konnte Erkenntnisse aus Biologie und Verhaltensforschung anführen, die eine Empfindungs- und Leidensfähigkeit bei Tieren nahelegten und schon damals auf eine enge Verwandtschaft zwischen Mensch und Tier hinwiesen.

Schopenhauer sah es als große Stärke seiner Ethik, dass sie, anders als die Kantische Philosophie, Tiere ausdrücklich miteinbezieht: „Die von mir aufgestellte moralische Triebfeder bewährt sich als die echte ferner dadurch, dass sie auch die Tiere in ihren Schutz nimmt, für welche in den andern europäischen Moralsystemen so unverantwortlich schlecht gesorgt ist.“

Eine wichtige Zäsur in der Geschichte der Tierethik

Schopenhauers Überlegungen sollten später durch Darwins epochenmachendes Origin of Species – publiziert nur ein Jahr vor Schopenhauers Tod – eine gewichtige Bekräftigung finden. Im Lichte der Evolutionstheorie erwiesen sich viele seiner Annahmen über eine gemeinsame Abstammung von Mensch und Tier – über Gemeinsamkeiten in Anatomie und Verhalten, in Bedürfnissen und Affekten – als wegweisend.

Besonders in Deutschland, wo die die Kantische Moralphilosophie und der Deutsche Idealismus den Zeitgeist prägten, stellte Schopenhauers Mitleidsethik eine wichtige Zäsur dar. Schopenhauer konnte der Kantischen Begründung von bloß mittelbaren Pflichten gegenüber Tieren eine konsequentere und überzeugendere Konzeption entgegenstellen. Einflussreiche Tierethiker und Tierrechtler wie Albert Schweitzer oder Henry Stephens Salt waren maßgeblich von Schopenhauers Philosophie beeinflusst.

Schopenhauer selbst war seiner Zeit Mitgründer des ersten Tierschutzvereins in Frankfurt, sprach sich gegen Tierquälerei, artungerechte Haltung und unangemessene Tierversuche aus. Berichte über Tierversuche an Hunden sollen dem Philosophen ganz besonders nah gegangen sein. Nicht auszuschließen, dass seine innige Beziehung zu seinen treuen Pudeln einen Einfluss auf Schopenhauers tierfreundliche Ethik hatte.

Seine Hunde rief er indes nur in der Öffentlichkeit „Atman“. In trauter Zweisamkeit bevorzugte er den Kosenamen „Butz“. Allein, wenn er sauer auf seine Hunde war, soll er sie stattdessen – und das nicht ohne Ironie – bloß „Mensch“ geschimpft haben.