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Wo die Menschheit stiller geworden ist, da erklingt der Gesang der Vögel umso lauter: Unser Autor Jannis Puhlmann ist selbst Hobby-Ornithologe und erklärt, wieso das Vogelbeobachten in Zeiten von Corona an Beliebtheit gewinnt.

Als die Nachtigallen Ende April wie in jedem Jahr aus ihren Winterquartieren in Ghana, Kenia oder Tansania nach Berlin zurückkehrten, fanden sie eine völlig veränderte Stadt vor. Coronaleere Straßen und geschlossene Geschäfte; wenig Verkehr, kein Flugzeug am Himmel und weit und breit keine Touristen – eine ungewöhnliche Stille lag über der sonst so lebendigen Metropole.

Wo die Nachtigallen zuvor gegen den Straßenlärm bei Tag und die Geräuschkulisse der Bars und Clubs bei Nacht ansingen mussten, erklang ihr Balzgesang nun umso lauter. Und mehr Menschen wurden in dieser neuen Stille der Großstadt auf die kleinen Stimmwunder aufmerksam und blieben stehen, um ihren virtuosen Strophen zu lauschen.

Ein Corona-kompatibles Hobby

In Zeiten der Corona-Krise ist das Interesse am Vogelbeobachten gestiegen: Die Internetseiten von Ornithologie-Verbänden vermelden Rekordaufrufe, Vogelzähl-Aktionen gewinnen an Teilnehmern und es werden vermehrt Vogelbestimmungs-Apps heruntergeladen und Futterspender gekauft.

Für die wachsende Beliebtheit gibt es gute Gründe: Weil sie während des Lockdowns auf ihren Nahraum beschränkt waren, haben viele Menschen die Natur vor der eigenen Haustür entdeckt und begonnen, die Parks oder Stadtwälder in ihrer direkten Umgebung zu erkunden. Manch einer hat sich dabei zum ersten Mal die Frage gestellt, was das eigentlich für Vögel sind, die an den Blumenkübeln auf dem Balkon herumpicken oder in der Vorgarten-Hecke brüten.

Auch lässt uns die Entschleunigung des öffentlichen Lebens und die Unterbrechung des gewohnten Arbeits-Alltags die Rhythmen der Natur wieder bewusster wahrnehmen: Der Vogelzug im Frühling; die Balz; der Nestbau und die Aufzucht – Vögel zu beobachten, bedeutet auch, den Wechsel der Jahreszeiten intensiver zu erleben.

Womöglich geht von Vögeln in Zeiten der Pandemie eine ganz besondere Faszination aus, weil sie für das stehen, was uns im Lockdown so schmerzlich fehlt: uneingeschränkte Bewegungsfreiheit.

In jedem Fall ist Birdwatching so „Corona-kompatibel“ wie kaum ein anderes Hobby. Es lässt sich vorm Küchenfenster oder draußen im Freien praktizieren – alleine oder mit Begleitung unter Einhaltung des Mindestabstands. Um Vögel zu beobachten, muss man weder auf dem Dorf leben, noch in Tarnkleidung durch den Wald stapfen. Vögel gibt es überall. Häufig bieten Großstädte mit ihren Vorgärten, Parks oder Friedhöfen sogar eine höhere Artenvielfalt als die von Monokulturen geprägten Agrargebiete.

Die Nachtigall etwa lässt sich deutschlandweit nirgends so gut beobachten wie in Berlin. Die ca. 1.500 Brutpaare schätzen das Wilde und Chaotische der Hauptstadt und brüten mit Vorliebe neben überwucherten S-Bahn-Trassen oder im dichten Gestrüpp der ungepflegten Stadtparks.

Vogelzählen für die Wissenschaft

Auch die „Stunde der Gartenvögel“ – die deutschlandweit größte Aktion zur Vogelzählung – hat in Zeiten der Pandemie einen Teilnehmer-Rekord erzielt: Vom 8. bis 10. Mai haben fast 160.000 Menschen die Daten von insgesamt 3,2 Millionen Vögeln an den Naturschutzbund Deutschland (NABU) gemeldet.

Projekte wie diese machen die Hobby-Ornithologie zu einer der größten Citizen-Sciences der Bundesrepublik – zu einer offenen Bürgerwissenschaft, bei der interessierte Laien dabei helfen, Beobachtungen zu melden, Messungen durchzuführen oder Daten zu erheben. Hobby-Ornithologen können damit einen wichtigen Beitrag bei der Erfassung von Artbeständen oder bei der Dokumentation des Vogelzugs leisten.

So werden auch die Berliner Nachtigallen seit Jahren mit Hilfe eines Mitmach-Projektes des Naturkundemuseums erforscht. Wer eine Nachtigall hört, kann ihren Gesang mit dem Smartphone und der kostenlosen App „Naturblick“ aufnehmen und an die Forscherinnen und Forscher von „Forschungsfall Nachtigall“ schicken. Der Algorithmus der App prüft dann, ob es sich tatsächlich um eine Nachtigall handelt und versieht die Aufnahme mit einem Standort- und Zeitstempel. Mit Hilfe dieser Daten können Landkarten der Nachtigallreviere erstellt und die regionalen Unterschiede im Gesang der Vögel untersucht werden.

Wie für so viele andere Wissenschaften ist die Corona-Krise auch für die Ornithologie eine besonders spannende Zeit. Sie bietet die seltene Chance, zu untersuchen, wie sich die vielen Folgen der Pandemie – die Ausgangssperren, der Einbruch des Flugverkehrs, die Abnahme der Lärmverschmutzung usw. – auf das Verhalten der Vögel auswirken.

Birdwatching statt Yoga oder Mindfulness

Das Vogelbeobachten dient aber nicht nur der Forschung; es hat auch eine therapeutische Wirkung: Draußen an der frischen Luft zu sein, langsam spazierend mit aufrechter Haltung, den Blick in die Baumwipfel: Das steigert das Wohlbefinden, reduziert Stress und baut Ängste ab.

Birdwatching ist eine außerordentlich beruhigende und meditative Tätigkeit und hat dabei erstaunlich viele Gemeinsamkeiten mit dem, was unter dem Begriff „Mindfulness“ in der Psychotherapie eingesetzt wird. Statt in Gedanken um sich selbst und seine Sorgen zu kreisen, statt gedanklich in der Vergangenheit festzuhängen oder in die Zukunft vorauszueilen, ist man ganz in der Wahrnehmung des gegenwärtigen Moments – aufmerksam und geduldig zugleich.

Hinzu kommt das süchtig machende Hochgefühl, wenn man einen seltenen oder besonders schönen Vogel entdeckt. Gerade in den ersten Monaten erwarten einen viele solcher Erfolgserlebnisse. Zum ersten Mal treffsicher eine Blaumeise von einer Kohlmeise unterscheiden, oder den Mauersegler von der Rauchschwalbe – das kommt einem Beginner noch wie Expertenkenntnis vor. Doch nach ein paar Wochen Übung in Vogel-Gestaltwahrnehmung fragt man sich, wie man diese einzigartigen Tiere je verwechseln konnte.

Ob auf dem Weg zur Arbeit, auf der Zugreise oder beim Blick aus dem Küchenfenster: Wenn der Blick für die Vögel erstmal geschärft und die Begeisterung geweckt ist, ist die Welt für immer um eine Dimension reicher.

Man schützt nur, was man kennt

Bisweilen kann einen das Birdwatching aber auch wehmütig stimmen. Denn kaum lernt man einen neuen Vogel kennen, erfährt man sogleich, wie häufig er einst war und wie gefährdet er heute ist. Wer anfängt, sich für Vögel zu interessieren, kann das allarmierende Ausmaß des weltweiten Artensterbens und das Horror-Szenario eines stummen Frühlings nicht länger ignorieren. Vögel wie der Kiebitz oder die Feldlerche sind nicht ohne Grund zu Symbolen für den hiesigen Natur- und Artenschutz geworden: Besonders Arten, die auf Wiesen und Äckern leben oder sich von Insekten ernähren, drohen in Deutschland bald ganz verschwunden zu sein.

Dieses Artensterben löst man sicherlich nicht durch Birdwatching. Doch wo mehr Menschen sich für die Natur begeistern, da kommen auch mehr Menschen zum Naturschutz. Es gilt der alte Leitsatz: Man liebt nur, was man kennt, und man schützt nur, was man liebt.


Tipps zum Einstieg:

  • Mit der kostenfreien Smartphone-App „Vogelwelt“ des NABU (erhältlich für iOS und Android) lassen sich die 308 häufigsten Vogelarten leicht bestimmen. Ebenfalls kostenlos ist die App „Naturblick“ (iOS und Android) vom Museum für Naturkunde in Berlin, mit der sich außerdem der Vogelgesang aufnehmen, auswerten und bestimmen lässt. Besser aber unhandlicher sind Bestimmungsbücher mit Farbzeichnungen statt Fotos. Als Klassiker gilt „Was fliegt denn da?“ vom Kosmos-Verlag.
  • Vögel lassen sich vorm Küchenfenster oder im Garten, in Parks, auf Friedhöfen, in Wäldern oder Wiesen beobachten. Die Morgenstunden und der Spätnachmittag sind gute Zeiten, um Singvögel zu entdecken; Greifvögel sind vorzugsweise mittags und nachmittags unterwegs.
  • Zum Birdwatching braucht man keine teure oder komplizierte Ausrüstung und muss auch keine lateinischen Vogelnamen auswendig lernen. Allein das Fernglas ist eine wichtige Anschaffung. Die NABU-Ortsgruppen bieten regelmäßig Vogelexkursionen an, bei denen man auch gleich die besten Birding-Spots in der Umgebung kennenlernen kann.
  • Die Rücksicht auf die Vögel hat beim Birdwatching höchste Priorität: Vögel sollten nicht unnötig gestört werden; Vogelnestern und Jungvögeln sollte man nicht zu nah kommen.