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Sexistische Gewaltphantasien, antisemitische Verschwörungstheorien und unkritische Kapitalismusgläubigkeit: Unser Kolumnist Alexander Jendretzki findet die erfolgreichsten Vertreter von deutschem Gangsta-Rap schwer erträglich. Macht ihn das zu dem Kulturpessimisten, der er nie werden wollte?

Der Musikfilm „Almost Famous“ von Cameron Crowe, einer meiner Allzeit-Lieblingsfilme, beginnt mit folgender Szene: Es ist das Jahr 1969 und die 17-jährige Anita (Zooey Deschanel) versucht, sich unbemerkt in ihr Elternhaus zu schleichen. Unter ihrer Jacke versteckt sie eine Schallplatte von Simon and Garfunkel. Die strenge und überfürsorgliche Mutter (Frances McDormand) ertappt sie und Anita muss die Platte rausrücken – Rockmusik ist verboten. Anita protestiert:

– „Es ist unfair, dass wir unsere Musik nicht hören dürfen!“

– „Ja, weil sie von Drogen und häufig wechselndem Geschlechtsverkehr handelt.“

– „Simon and Garfunkel ist Poesie!“

– „Ja, es ist die Poesie der Drogen und des häufig wechselnden Geschlechtsverkehrs.“

Die Mutter nimmt die Schallplatte, hält sie ihrer Tochter unter die Nase und zeigt auf die Augen der beiden Musiker auf dem Cover: „Süße, die nehmen doch Haschisch!“

Ich war vielleicht 14 als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe. Und die Vorstellung, dass dieses brave Duo und ihr seichter Folk-Rock einmal als subversiv oder anstößig durchgehen konnten, amüsiert mich noch heute. Die zwei Männer auf dem Album-Cover sehen nämlich so harmlos aus, sie könnten problemlos als katholische Kirchenchoristen durchgehen. Nicht falsch verstehen: Simon and Garfunkel finde ich großartig – es fällt mir bloß schwer, mir vorzustellen, dass sie ihrer Zeit bei Eltern als kontrovers durchgingen.

Die Geschichte des Pop ist eine Geschichte der Provokationen

Doch so war es wohl. So war es immer: Die Geschichte der Popmusik ist eine Geschichte der Provokationen und des Aufbegehrens gegen die Alten. Wer wurde nicht schon alles von der Elterngeneration zum Verderber der Jugend erklärt? Der Hüftschwung eines Elvis galt im prüden und frommen Amerika der 50er Jahre als obszön und blasphemisch. Und in den Beatles sahen viele Eltern der 60er bloß langhaarige und ungestüme Jugendgefährder. 

In meiner Schulzeit war Marilyn Manson das Höchstmaß der öffentlichen Kontroverse. Der wurde – zusammen mit „Killer-Spielen“ (ein Begriff, den außer FAZ-Feuilletonisten und besorgten Müttern bei Elternsprechtagen nie jemand benutzt hat) – für die Schul-Amokläufe der 00er Jahre verantwortlich gemacht. Ich war zwar kein Fan von Goth-Rock, aber solche einfachen Erklärungsversuche erschienen mir und meinen Klassenkameraden doch abwegig. Die Debatte wurde so undifferenziert und hysterisch geführt, dass ich mir damals insgeheim geschworen habe, im Zweifelsfall immer auf der Seite der Musik zu stehen.

Heute ist es Deutschrap, genauer: Straßen-Rap, Battle-Rap, Gangsta-Rap. Wenn an deutschen Talkshow-Tischen über Sexismus, Homophobie, Antisemitismus oder Gewaltverherrlichung im Rap diskutiert wird, kann man eine ganze Generation junger Menschen kollektiv stöhnen hören. Denn Deutschrap ist zwar längst die größte Jugendkultur und dominiert die Charts (wenn denn auch alles mit rechten Dingen zugeht), kommt in Mainstream-Debatten aber fast ausschließlich als Problemfall vor. Das muss nervig sein für Rap-Fans. Und mein erster Reflex ist, mich auf ihre Seite stellen zu wollen. Alle unverstanden – so ist es schließlich immer schon gewesen.

Doch immer öfter frage ich mich, ob ich den Schwur von einst noch halten kann. Wenn ich mir die Texte und öffentlichen Eskapaden der derzeit erfolgreichsten Deutschrapper anschaue, fällt mir das schwer.

Kollegahs Faible für (antisemitische) Verschwörungstheorien

Nach dem Echo-Eklat um Kollegah (Felix Blume) im vergangenen Jahr diskutierte Deutschland ein, zwei Wochen lang über Antisemitismus im deutschen Rap. Anlass war die Zeile von Kollegah und Farid Bang: „Mein Körper [ist] definierter als von Auschwitz-Insassen“. Eine geschmacklose Verharmlosung der Shoah, keine Frage, aber längst nicht das größte Problem. Denn wenn der selbsternannte Boss aus Düsseldorf nicht über Zuhälterei, Drogendeals oder PS-starke Autos rappt, verbreitet er mit Vorliebe reaktionäre Verschwörungstheorien: von Chemtrails bis Pizzagate – gerne mit unterschwelligen antisemitischen Codes oder ganz offener Judenfeindlichkeit.

Es brauchte erst eine WDR Dokumentation über judenfeindlichen Tendenzen im Rap, um zu zeigen, dass schon das seit 2016 millionenfach angeklickte Video zu Kollegahs Song „Apokalypse“ vor antisemitischer Symbolik nur so triefte: die Geschichte der Menschheit als Kampf Gut gegen Böse, finstere Strippenzieher im Bankenviertel von London, der Stellvertreter des Teufels mit Davidstern auf seinem Siegelring, eine Entscheidungsschlacht auf dem Tempelberg in Jerusalem gegen „die Dämonen“. Nach dem Sieg über die Dämonen leben „Buddhisten, Muslime und Christen“ friedlich zusammen und feiern ihren Triumph mit einer Bücherverbrennung. Juden kommen in diesem Paradies offenbar nicht mehr vor.

Durchgeknallte Pop-Stars hat es immer schon gegeben. Auch der von mir früher verehrte Billy Corgan, Frontmann der Smashing Pumpkins, vertritt heute wirre Verschwörungstheorien. Neu ist, dass Musiker ihre schwachsinnigen Weltanschauungen über Social Media mit ihrer Gefolgschaft teilen. Bei Kollegah sind das über eine Millionen YouTube-Abonnenten, die zum Großteil aus Jungen in der Pubertät bestehen dürften. Die sehen dann beispielsweise zu, wie ihr Vorbild in seinen Videos die Evolutionstheorie anzweifelt, weil ihm doch noch niemand erklären konnte, wie sich Fische je zu Landtieren entwickeln konnten (damit sich das hier gar nicht erst etabliert: So sieht ein Lungenfisch aus).

Die „Antilopen Gang“ nannte Kollegah in einem Spiegel-Interview vom vergangenen Jahr einen „faschistischen Agitator“. Ich möchte hinzufügen: ein faschistoider Agitator mit einer Reichweite, von der Rechtsrock-Bands nur träumen können.

GZUZ und die 187 Straßenbande: keine Ironie, kein Wortwitz, bloß Verachtung

Treue Fanbase, ausverkaufte Hallen voller kreischender Teenager, hohe Verkaufszahlen und Millionen Follower auf Instagram: die 187 Straßenbande mit ihren Aushängeschildern GZUZ (Kristoffer Jonas Klauß) und Bonez MC (John-Lorenz Moser) ist gerade die erfolgreichste Combo im Rap-Game. Die Hamburger pflegen ein hartes Image. Ihre Mitglieder sind mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzungs- und Drogendelikten. GZUZ saß eine mehrjährige Haftstrafe wegen räuberischen Diebstahls ab, die von seinen Kollegen medienwirksam als „Free GZUZ“-Tour ausgeschlachtet wurde.

Die 187er rappen von Drogen, Waffen, Geld und Frauen. Soweit nichts Neues. Neu scheint mir bei GZUZ und seinen Kollegen vor allem das Fehlen jedweder Ironie. Die Texte haben keine zweite Ebene, keinen Ironie-Layer, keine klugen Sprachspiele, keine Kunst-Persona – stattdessen dumpfe Gewalt, Verachtung und kalten Zynismus ohne jedes Augenzwinkern. Wenn in den Videos genreüblich mit haufenweise Gras und Maschinengewehren posiert wird, werden dazu auch Amateur-Mitschnitte von echten Straßenschlägereien reingeschnitten. Nicht nur ich sehe hier eine neue Härte erreicht. Die ZEIT nannte GZUZ letztes Album ein „Dokument des Nihilismus und der Desintegration“, die Süddeutsche schrieb von einer „widerwärtigen Parade aus Verachtung“.

Auch die sexistischen Gewalt- und Vergewaltigungsphantasien eines GZUZ übertreffen die im Gangsta-Rap durchaus gängige Misogynie, wenn er Lines rappt wie: „Kein Bock auf Sex? Na dann klatsch ich sie weg! Die Schlampe war frech“ oder „Bring Deine Alte mit, sie wird im Backstage zerfetzt. Ganz normal, danach landet dann das Sextape im Netz“. Solche Zeilen finde ich schwer erträglich. Ganz und gar unerträglich werden sie im Lichte neuerer Vorwürfe gegen GZUZ: die Rede ist von schwerer häuslicher Gewalt und einem anderen Fall der sexuellen Belästigung. Wer darüber berichtet, erhält Post vom Anwalt.

Auf Instagram macht sich sein Kollege Bonez MC auf perfide Art öffentlich über diese Vorwürfe lustig. Die 187er Fans feiern ihre Idole dafür, einige machen mit und beleidigen auf Instagram die mutmaßlichen Opfer. Ein absoluter Tiefpunkt.

Einfach mal den Freuden des Kapitalismus frönen

Was aber übrigbleibt, wenn man die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und die Gewaltverherrlichung in den Texten einmal ausblendet, ist die vorherrschende Ideologie des Gangsta-Raps: Kapitalismusgläubigkeit und Neoliberalismus in Reinform. Texte, die Dir sagen: Du schaffst es bis nach oben, wenn Du es nur genug willst. Die alte Geschichte, die zwar selten wahr ist, aber doch so gerne erzählt wird. Und wenn Du es, wie Deine Lieblings-Rapper, geschafft hast, dann gönn Dir hart, stell Deinen Reichtum zur Schau und erkläre jeden Kritiker zum Neider.

Oder wie GZUZ es zusammenfasst: „Eine Mio. auf dem Konto, ich will zehn. Gib mir, gib mir, gib mir, gib mir mehr von dem!“ Kollegah gibt sich längst schon als Allround-Unternehmer: Platten-Label („Alpha Music Empire“), Mode-Label („Deus Maximus“), Fitnessprogramm („Bosstransformation“), Immobilien-Deals und – sein wohl unerträglichstes Projekt – ein Selbsthilfe/Motivations-Buch mit dem Titel „Das ist Alpha! Die zehn Gebote der Bosshaftigkeit“. Wenn der selbsternannte Boss seine harten Lebensweisheiten an seine (männlichen) Fans (von ihm auch „Alphas“ genannt) weitergibt, eine Verweichlichung der Männerwelt beanstandet und seinen radikal egoistischen Sozialdarwinismus predigt, liest sich das zum Beispiel so:

– „Sex zu bekommen wird dank deiner Bossaura für dich so alltäglich und selbstverständlich werden wie pissen gehen.“

– „Mir ging es nie darum, mich wegzuballern oder stoned in einer Ecke zu sitzen. Vielmehr nutzte ich Drogen, um meine Leistung zu steigern und im Leben schneller voranzukommen.“

– „Das Schicksal einer Bitch ist und bleibt nun einmal, einsam und verbittert in einer Sozialwohnung voller Kinder unbekannter Väter in die Vergessenheit abzutauchen, weil sie nie auch nur entfernt daran gedacht hat, vielleicht selbst für ihren Lebensunterhalt aufzukommen.“

Bin ich jetzt Kulturpessimist?

Der Antisemitismus eines Kollegah, die sexistischen Gewaltphantasien eines GZUZ, die ihnen gemeinsame unkritische Marktkonformität – all das macht es mir schwer, meinem Schwur gerecht zu werden und den Gangsta-Rap gegen seine Kritiker zu verteidigen. Dass Rap-Fans zur Wagenburgmentalität neigen und die meisten HipHop-Magazine einen derart distanzlosen Kuscheljournalismus praktizieren, macht die Sache nicht leichter.

Fans und Rap-„Journalisten“ entgegnen jeder Kritik „von außen“ gerne mit einer Doppelstrategie: Wenn es um diskriminierende Textzeilen geht, heißt es, es handele sich um einen Kunst-Sprech. „Schwuchtel“, „Bitch“ oder „Jude“ hätten ihre ursprüngliche Bedeutung längst verloren und fungierten bloß noch als inhaltsleere Beleidigungen. Wer das anprangert, habe Rap nicht verstanden.

Wenn dieser Kunst-Sprech dann Gegenstand von Satire wird – wie im Fall von Böhmermanns „Ich hab Polizei“ – heißt es, hier werde sich über die Lebensrealität von Migranten und der Unterschicht lustig gemacht – hier werde „Klassismus“ oder, Zitat: „Armutsrassismus“, betrieben. Wer Gansta-Rap um jeden Preis verteidigen will, erklärt ihn, je nach Angriff, wahlweise zur Kunstform oder zum sozialen Realismus.

Macht mich das nun zu einem, der es einfach nicht mehr versteht? Zu dem Kulturpessimisten, der ich nie werden wollte? Oder gibt es vielleicht doch einen wichtigen Unterschied zu früheren Provokationen im Pop? Rückblickend waren Provokationen und Kontroversen in der Musik progressiv: sie legten etwas offen, erkämpften neue Freiheit oder inspirierten Gegenkulturen.

Ob das auch für den Gangsta-Rap von GZUZ oder Kollegah gilt, wird die Zukunft zeigen: Werden wir GZUZ und Kollegah in ein paar Jahrzehnten so harmlos finden wie heute Simon and Garfunkel oder die Beatles? Oder werden wir zurückblicken und denken: Was für ein stumpfer, frauenverachtender, homophober, antisemitischer und gewaltverherrlichender Scheiß war das denn? Ist ja unerträglich!